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Unruhe, Pflegeverweigerung und Aggression bei Demenz: Was Angehörige wissen sollten

15.09.2026

Ein praktischer Leitfaden für Angehörige: Warum sich Verhalten bei Demenz verändern kann, wann medizinische Hilfe nötig ist und wie Alltagspflege ruhiger und sicherer gestaltet werden kann.

Am Morgen zieht ein nahestehender Mensch die Hand zurück, während Sie beim Anziehen helfen. Im Bad wirkt er plötzlich erschrocken, wird laut und bittet darum, allein gelassen zu werden – obwohl dieselbe Situation am Vortag ruhig verlief. Solche Veränderungen können Angehörige verunsichern, weil ein vertrauter Ablauf plötzlich nicht mehr funktioniert.

Verhalten kann in solchen Momenten zu einer Form der Mitteilung werden: Schmerz, Angst, Müdigkeit, Reizüberflutung, Kälte, eine unverständliche Abfolge von Handlungen oder eine akute Erkrankung können dahinterstehen. Sinnvoll ist deshalb zuerst die Frage nach der Dringlichkeit, danach nach möglichen Ursachen und schließlich nach einer verständlicheren Form der Unterstützung.

Warum sich Verhalten bei Demenz verändert

Demenz kann Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und die Bewältigung alltäglicher Aufgaben beeinflussen. Es wird schwieriger, zu erklären, wo etwas weh tut, warum eine Situation Angst macht oder welche Handlung einer helfenden Person unangenehm ist. Alltagspflege, Verhaltensänderungen und die Belastung der betreuenden Person hängen deshalb eng zusammen.

Alltag und Demenz

Auch mit Demenz bleiben Gewohnheiten, Vorlieben, Würde und das Bedürfnis nach Einfluss auf das eigene Leben erhalten. Zwei Kleidungsoptionen, das selbstständige Abtrocknen des Gesichts oder die vertraute Frühstückszeit können ein Stück Kontrolle zurückgeben. Gute Unterstützung orientiert sich deshalb an der Biografie, am gewohnten Tagesablauf und an den Fähigkeiten, die an diesem Tag vorhanden sind.

Wann Veränderungen dringend medizinisch abgeklärt werden müssen

Langsame Veränderungen über Wochen oder Monate können mit dem Verlauf einer Demenz zusammenhängen. Eine deutliche Veränderung innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen verlangt eine andere Reaktion. Plötzliche Verwirrtheit, ungewöhnliche Schläfrigkeit, starke Unruhe, Halluzinationen oder der abrupte Verlust bisheriger Fähigkeiten können auf ein Delir hinweisen.

Warnzeichen bei Demenz

Ein Delir ist eine akut auftretende, häufig im Tagesverlauf schwankende Störung von Aufmerksamkeit, Wachheit und Denken. Demenz erhöht das Risiko. Mögliche Auslöser sind unter anderem Infektionen, Schmerzen, Flüssigkeitsmangel, Verstopfung, Harnverhalt, Verletzungen, Medikamentenänderungen oder die Verschlechterung einer Herz- oder Lungenerkrankung. Die Ursache muss medizinisch abgeklärt werden. Für Angehörige ist besonders wichtig zu beschreiben, wann die Veränderung begonnen hat und wie sie sich vom üblichen Zustand unterscheidet.

Wann 103 oder 112 angerufen werden sollte. Eine sofortige medizinische Einschätzung ist nötig bei plötzlich starker Verwirrtheit, neu auftretender Gesichtsschwäche, plötzlicher Schwäche eines Arms oder Beins, Sprachstörungen, Bewusstlosigkeit, einem ersten oder anhaltenden Krampfanfall, ausgeprägter Atemnot, Brustschmerzen sowie nach einem schweren Sturz oder Kopfaufprall. Bei unmittelbarer Gefahr gilt ebenfalls 103 oder 112.

Neue Schmerzen, Fieber, Husten, deutlich weniger Essen oder Trinken, auffällig wenig Urin, Verstopfung, ein Sturz, neue Halluzinationen oder eine Verschlechterung des Gehens sollten noch am selben Tag ärztlich abgeklärt werden. Das gilt auch nach Beginn, Absetzen oder Dosierungsänderung eines Medikaments. Änderungen der Therapie gehören in ärztliche Hände.

Mögliche Ursachen von Angst, Aggression und Ablehnung

Beginnen Sie mit körperlichen Ursachen, die die betroffene Person möglicherweise nicht benennen kann. Schmerzen bei Bewegung, Durst, Hunger, Probleme beim Wasserlassen, Verstopfung, Hautreizungen, Zahnschmerzen, Erschöpfung oder schlechter Schlaf können Verhalten verändern. Beobachten Sie, in welchem Moment die Anspannung entsteht – beim Aufstehen, Kauen, Waschen einer bestimmten Körperstelle oder beim Toilettengang. Solche Beobachtungen helfen bei der ärztlichen Einschätzung.

Danach lohnt sich ein Blick auf die Umgebung: ein laufender Fernseher, mehrere Stimmen gleichzeitig, Spiegelungen auf dem Boden, ein dunkler Flur, ein kaltes Badezimmer, eine unbekannte Hilfsperson oder Zeitdruck können überfordern. Brille, Hörgerät, gleichmäßiges Licht, freie Wege und vertraute Abläufe geben mehr Orientierung.

Auch die Art der Unterstützung spielt eine Rolle. Eine Berührung von hinten, eine lange Erklärung oder zu viele Schritte hintereinander können als Bedrohung erlebt werden. Von vorn herantreten, Blickkontakt suchen, jeweils nur einen Schritt erklären und genügend Zeit für eine Reaktion lassen – das macht die Situation verständlicher.

Kommunikation bei Angst und Pflegeverweigerung

Gehen Sie von vorn auf die Person zu, nennen Sie Ihren Namen und erklären Sie die nächste Handlung. Warten Sie dann auf eine Reaktion. Statt mehrere Anweisungen gleichzeitig zu geben, hilft eine kurze Formulierung: „Ich bin hier. Wir waschen uns jetzt. Möchten Sie mit dem Gesicht oder mit den Händen beginnen?“ Bei Ablehnung kann die Frage helfen: „Was ist gerade unangenehm – Schmerz, Kälte oder Angst?“

Wiederholte Fragen können mit Angst, fehlendem Zeitgefühl oder einem Bedürfnis zusammenhängen, für das Worte fehlen. Durch Einschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses kann jede Wiederholung wie eine neue Frage erlebt werden. Eine ruhige, gleichbleibende Antwort und ein sichtbarer Orientierungspunkt können Halt geben. Danach kann eine vertraute Tätigkeit helfen: Tee trinken, Handtücher zusammenlegen, Musik hören oder ein Familienalbum ansehen.

Kommunikation mit einem Menschen mit Demenz

Das Wort „Zuhause“ in dem Satz „Ich will nach Hause“ kann ein Gefühl von Sicherheit, einen vertrauten Lebensabschnitt oder eine gut erhaltene Erinnerung meinen. Statt zu widersprechen, kann man das Gefühl aufnehmen: „Sie vermissen Ihr Zuhause. Erzählen Sie mir davon.“ Vertraute Musik, eine Lieblingstasse, ein Foto oder eine einfache häusliche Tätigkeit können zusätzliche Orientierung geben.

Alltagspflege: Gewohnheiten, Wahlmöglichkeiten und Privatsphäre

Für die Körperpflege hilft eine vertraute Tageszeit. Bereiten Sie Handtücher, Pflegeprodukte und saubere Kleidung vor und sorgen Sie für eine angenehme Raumtemperatur. Bei Schwäche oder Gleichgewichtsproblemen kann eine stabile Sitzmöglichkeit sinnvoll sein. Zwei klare Optionen – etwa duschen oder sich zunächst am Waschbecken waschen – erhalten Wahlmöglichkeiten. Erklären Sie Berührungen vorab und lassen Sie die Person einzelne Schritte selbst übernehmen, solange das möglich ist.

Wenn die Anspannung zunimmt, muss nicht jede Pflegehandlung sofort vollständig abgeschlossen werden. Sofern der Gesundheitszustand eine Pause erlaubt, kann man später in ruhigerer Situation fortsetzen. Kleidung lässt sich in der Reihenfolge des Anziehens bereitlegen. Eine kurze mündliche Hilfe, danach Vormachen und erst anschließend körperliche Unterstützung erhalten vorhandene Fähigkeiten länger.

Beim Essen helfen eine ruhige Umgebung, eine stabile aufrechte Sitzposition, gut erkennbare Speisen und ausreichend Zeit. Wiederholtes Husten oder Verschlucken beim Essen, deutlicher Gewichtsverlust oder Zeichen von Flüssigkeitsmangel gehören medizinisch abgeklärt.

Beweglichkeit und Sicherheit zu Hause

Alltägliche Mobilität besteht aus vielen kleinen Handlungen: sich im Bett drehen, aufsetzen, zur Toilette gehen, in einen Sessel wechseln, zum Tisch gehen oder einen kurzen Weg draußen zurücklegen. Beobachten Sie, an welchem Schritt Schwierigkeiten auftreten: dauert das Aufstehen länger, hält sich die Person an Möbeln fest, wirkt sie in der Dämmerung orientierungslos oder vermeidet sie eine Bewegung wegen Schmerzen?

Gleichmäßige Beleuchtung, freie Wege, stabile Stühle mit Armlehnen, passende Schuhe, Haltegriffe und individuell ausgewählte Gehhilfen können beeinflussbare Risiken reduzieren. Nach einem Sturz muss zunächst der Zustand der Person beurteilt werden. Bei Verdacht auf Verletzungen von Kopf, Nacken, Rücken oder Hüfte, starken Schmerzen oder wenn die Person nicht mehr aufstehen kann, ist sofortige medizinische Hilfe erforderlich. Techniken zum Umsetzen und Aufrichten sollten Angehörige möglichst praktisch mit Physiotherapie oder Ergotherapie erlernen.

Ein einfacher Ablauf bei Unruhe, Aggression oder Ablehnung

  1. Dringlichkeit einschätzen. Vergleichen Sie den aktuellen Zustand mit dem üblichen und klären Sie, wann die Veränderung begonnen hat. Plötzliche starke Verwirrtheit oder andere akute Warnzeichen erfordern medizinische Hilfe.
  2. Reize reduzieren. Gehen Sie einen Schritt zurück, reduzieren Sie Lärm, sprechen Sie ruhig und lassen Sie Zeit für eine Antwort. Sorgen Sie bei Sturz- oder Verletzungsgefahr für Abstand und einen freien Weg.
  3. Körper und Umgebung prüfen. Wann wurde gegessen, getrunken, die Toilette benutzt und ein Medikament genommen? Gibt es Schmerzen, Fieber, Schlafmangel oder einen kürzlichen Sturz? Prüfen Sie zusätzlich Licht, Lärm, Raumtemperatur und Kleidung.
  4. Den nächsten Schritt vereinfachen. Nennen Sie nur eine Handlung, zeigen Sie sie wenn möglich und bieten Sie zwei überschaubare Optionen an.
  5. Beobachtungen notieren. Zeitpunkt, Situation vor dem Ereignis, Veränderungen bei Schlaf, Essen, Trinken, Ausscheidung, Schmerzen oder Medikamenten sowie das, was geholfen hat, sind für Familie und Behandlungsteam wertvoll.

Die Kräfte der betreuenden Angehörigen schützen

Pflege verändert Beziehungen und den Tagesablauf einer ganzen Familie. Erschöpfung, Gereiztheit, Traurigkeit, Schuldgefühle, Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten können Zeichen einer hohen Belastung sein. Dann lohnt es sich, Verantwortung neu zu verteilen und regelmäßige Entlastung einzuplanen.

Unterstützung lässt sich leichter organisieren, wenn Aufgaben und Zeiten konkret sind: Wer kümmert sich um Einkäufe, Medikamente, Arzttermine, Reinigung oder bestimmte Besuchszeiten? Für regelmäßig wiederkehrende Aufgaben sollte möglichst auch eine Vertretung vereinbart werden. Bei einer akuten Gefährdungssituation ist sofort professionelle beziehungsweise medizinische Hilfe erforderlich.

Entlastung für Angehörige

Auslöser besser verstehen

Wenn der Zustand stabil ist, wählen Sie eine wiederkehrende schwierige Situation – etwa Waschen, Essen, Aufstehen oder Unruhe am Abend – und notieren Sie einige Tage lang, was vorher geschah, wie sich die Person verhielt und was zur Beruhigung beitrug. Reduzieren Sie gleichzeitig eine unnötige Geräuschquelle, bereiten Sie Pflegeschritte vorher vor und verteilen Sie Unterstützung innerhalb der Familie konkret. Kleine, konsequente Veränderungen machen Zusammenhänge sichtbar.

Wenn Ihre Familie Unterstützung braucht, können Sie die Situation der Malteser-Koordination schildern und erfahren, welche Angebote im Rahmen der aktuellen Programme verfügbar sind: Hilfe erhalten.

Partnerschaften für mehr Unterstützung von Familien

Malteser Moskau lädt Unternehmen und Fachorganisationen ein, über Unterstützungsangebote für Familien nachzudenken, die Menschen mit Demenz begleiten. Gemeinsam können geprüfte Informationsmaterialien, Begegnungen mit Fachkräften, Unterstützungsgruppen oder Entlastungsangebote entwickelt werden. Inhalte, Budget und messbare Ergebnisse werden gemeinsam mit Partnern festgelegt. Informationen für Unternehmen finden Sie unter Für Unternehmen.


Medizinischer Hinweis. Dieser Beitrag hilft dabei, Veränderungen wahrzunehmen und ein Gespräch mit medizinischen Fachkräften vorzubereiten. Diagnose und Behandlung gehören in medizinische Hände. Bei plötzlich starker Verwirrtheit oder einer akuten Gefahr rufen Sie 103 oder 112; bei neuen, nicht akuten Beschwerden wenden Sie sich zeitnah an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt.