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Von der Hilfe zur Selbsthilfe: Wie soziale Unterstützung Menschen wieder Halt gibt

15.09.2026

Für wen: Familien, die Unterstützung brauchen; Spenderinnen und Spender sowie Unternehmenspartner; Freiwillige; alle, die moderne soziale Arbeit besser verstehen möchten.

Menschen wenden sich meist mit einer konkreten Schwierigkeit an eine gemeinnützige Organisation: Zu Hause fehlen Lebensmittel, alltägliche Aufgaben werden zu belastend, vertraute soziale Kontakte brechen weg oder eine Familie braucht Orientierung. In diesem Moment zählt eine schnelle und verständliche Antwort. Danach stellt sich eine zweite Frage: Was kann einem Menschen helfen, sich in einer Woche, einem Monat oder einem halben Jahr wieder stabiler zu fühlen?

Das Malteser-Prinzip „von der Hilfe zur Selbsthilfe“ setzt genau hier an. Es beschreibt einen Weg, auf dem materielle Unterstützung mit Begegnung, Aktivitäten, Lernen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbunden wird. Selbsthilfe bedeutet dabei, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern: die Situation besser zu verstehen, an Entscheidungen beteiligt zu sein, eigene Kenntnisse zu nutzen und einen realistischen nächsten Schritt zu wählen. Fachkräfte, Angehörige, Freiwillige und Partner bleiben dabei ansprechbar.

Womit Halt beginnt

Auf den Programmseiten von Malteser lässt sich Unterstützung als Abfolge von drei miteinander verbundenen Schritten verstehen: eine akute Notlage abfedern, Halt und soziale Kontakte stärken sowie Fähigkeiten und Selbstständigkeit fördern. Dahinter steht eine praktische Logik. Sorgen und fehlende Grundressourcen engen den Blick ein; ein Gespräch mit einer Koordinatorin oder einem Koordinator hilft, die Situation zu ordnen; ein passendes Angebot schafft Zeit, Informationen und Kontakt zu anderen Menschen.

Von der Hilfe zur Selbsthilfe

Personenzentrierte Unterstützung, wie sie auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, orientiert sich an den Zielen und Lebensumständen eines konkreten Menschen. Die WHO empfiehlt, verschiedene Hilfen miteinander zu verbinden und Gemeinschaften in Entscheidungen einzubeziehen. Für soziale Arbeit bedeutet das: die Situation sorgfältig verstehen, ein realistisches Ziel gemeinsam festlegen und auch nach dem ersten Kontakt weiter begleiten.

Selbsthilfe als Recht auf Beteiligung

Selbsthilfe entsteht durch Unterstützung, Zugang zu Ressourcen und Beteiligung an Entscheidungen. Die WHO beschreibt Community Empowerment als einen Prozess, in dem Menschen mehr Einfluss auf Entscheidungen und Ressourcen gewinnen, die ihr eigenes Leben betreffen. Eine Organisation schafft dafür Bedingungen und verbindet Menschen mit passenden Ressourcen; die Veränderung selbst entsteht im Zusammenspiel von Person und Umfeld.

Selbstständigkeit kann deshalb sehr unterschiedlich aussehen. Für eine Familie kann sie in einem verständlichen Handlungsplan und einer regelmäßigen Lebensmittellieferung bestehen. Für einen älteren Menschen kann sie bedeuten, wieder an Treffen teilzunehmen und eine benötigte Hilfe selbst anzusprechen. Für Eltern kann es heißen, an der Auswahl von Angeboten für ihr Kind beteiligt zu sein. Andere Menschen übernehmen später selbst eine Rolle: Sie gestalten ein Treffen, helfen bei einer Veranstaltung oder geben berufliches Wissen weiter. Jeder Weg hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Umfang.

Dieser Ansatz entspricht auch der UN-Behindertenrechtskonvention: Menschen haben das Recht, an Entscheidungen über ihr eigenes Leben beteiligt zu sein und mit zugänglicher Unterstützung in die Gemeinschaft einbezogen zu werden (Artikel 19 der Konvention). Ein soziales Programm kann dabei helfen, die Rolle als handelnde Person zurückzugewinnen und zugleich Unterstützung in dem Umfang zu erhalten, der zur eigenen Situation passt.

Lenas Geschichte: Wenn ein persönliches Interesse zu einer Ressource für andere wird

Auf der Malteser-Website wird die Geschichte von Lena und ihrer Schwester Nonna erzählt. Sie kamen in das Zentrum, ohne zunächst eine konkrete Anfrage formuliert zu haben. Nach einem Gespräch wurde der Familie Lebensmittelhilfe angeboten, die zu diesem Zeitpunkt gebraucht wurde. Später entwickelte sich Lenas Interesse an Familiengeschichte zu einem kostenlosen Kurs für Teilnehmende von Malteser; 2025 leitete sie diesen Kurs zweimal.

Die Stärke dieser Geschichte liegt in der Abfolge. Zuerst hörte das Team der Familie zu und reagierte auf die unmittelbare Situation. Später wurde im Zentrum ein Interesse sichtbar, das Lena mit anderen teilen wollte. Persönliche Erfahrung bekam einen Wert für die Gemeinschaft: Teilnehmende trafen auf eine Kursleiterin mit einem eigenen Thema und dem Wunsch, Wissen weiterzugeben.

Lenas Geschichte

Das Beispiel zeigt, wie Unterstützung Raum für Eigeninitiative schaffen kann. Ein Mensch kommt zunächst in einer bestimmten Rolle und kann später eine andere wählen – als Teilnehmerin einer Gruppe, als Kursleitung oder als freiwillig Engagierte. Dafür braucht es mehrere Voraussetzungen: ein aufmerksames Gespräch, ein zugängliches Angebot, Respekt für das eigene Tempo und ein Team, das Stärken wahrnimmt.

Wie einzelne Angebote zu einem System werden

Malteser arbeitet seit 1991 in Moskau. In der Datenbank der Stiftung befinden sich mehr als 1.800 Familien, es gibt sechs Hilfs- und Bildungsbereiche und ein Sozialzentrum mit rund 1.000 Quadratmetern Fläche (Malteser Moskau). Diese Zahlen beschreiben den Umfang der Arbeit; ihr eigentlicher Sinn wird an den Wegen einzelner Menschen sichtbar.

„Gutes Essen“ und die Unterstützung für Mütter reagieren auf grundlegende Bedürfnisse von Familien und Menschen, für die der regelmäßige Einkauf von Lebensmitteln und notwendigen Dingen schwierig ist. Tagesprogramme und Förderangebote bieten Kindern Begegnung, Kreativität und alltagsnahe Fähigkeiten. „Silbernes Alter“ verbindet Unterstützung bei täglichen Aufgaben mit Treffen, Werkstätten und gemeinsamen Aktivitäten für ältere Menschen und ihre Angehörigen. Erste-Hilfe-Kurse vermitteln praktische Kenntnisse für Situationen, in denen Menschen vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes handeln müssen.

Malteser-Programme als verbundenes Unterstützungssystem

Freiwilliges Engagement führt diesen Weg weiter. Nach Angaben der Freiwilligenseite beteiligten sich 2025 insgesamt 352 Menschen an der Arbeit von Malteser: Sie halfen bei Ausgabe und Lieferung von Lebensmitteln, gestalteten Aktivitäten, unterstützten Veranstaltungen und brachten berufliche Kompetenzen ein (Freiwilligenarbeit bei Malteser). Man kann eine einzelne Aufgabe übernehmen oder sich regelmäßig engagieren. Für manche Teilnehmende wird freiwilliges Engagement zu einer Möglichkeit, eine vertraute gesellschaftliche Rolle zurückzugewinnen; für andere ist es der erste Schritt, eigene Erfahrung in einem neuen Umfeld einzusetzen.

Was die Forschungspraxis zeigt

Ein stärkenorientierter Ansatz beginnt mit den vorhandenen Ressourcen, Zielen und Beziehungen eines Menschen. Forschungsübersichten zeigen eine zunehmende Anwendung dieses Modells und zugleich Unterschiede bei Definitionen und langfristigen Ergebnissen. Für die Praxis sozialer Arbeit bedeutet das, Fähigkeiten und Möglichkeiten sichtbar zu machen, ohne individuelle Belastungen zu übersehen.

Studien zum Case Management in der Unterstützung älterer Menschen verbinden gute Ergebnisse mit der Koordination verschiedener Dienste, einer zur Situation passenden Hilfe und anschließender Begleitung. Veränderungen werden eher sichtbar, wenn es wiederholten Kontakt und Beobachtung über einen längeren Zeitraum gibt. Fachkräfte müssen deshalb wissen, welchen Schritt ein Mensch nach dem ersten Kontakt tatsächlich gehen konnte und was für den nächsten Schritt nötig ist.

Die WHO versteht Selbsthilfe als die Fähigkeit von Menschen, Familien und Gemeinschaften, Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern – mit Zugang zu professioneller Unterstützung, wenn sie gebraucht wird (WHO: Self-care for health and well-being). Sichere Selbsthilfe braucht verständliche Informationen, Wahlmöglichkeiten, Fähigkeiten und die Möglichkeit, erneut eine Fachperson zu kontaktieren. Für eine Stiftung bedeutet das, Entscheidungen zu respektieren und auch bei der nächsten Schwierigkeit erreichbar zu bleiben.

Wie sich der nächste Schritt messen lässt

Die Zahl ausgegebener Hilfspakete, durchgeführter Angebote und geleisteter Freiwilligenstunden beschreibt den Umfang der Arbeit. Soziale Wirkung zeigt sich zusätzlich in anderen Fragen: Versteht ein Mensch die vorhandenen Möglichkeiten? Konnte er eine Entscheidung treffen? Ist er wieder in Kontakt mit anderen gekommen? Hat er eine Fähigkeit entwickelt oder eine eigene Initiative vorgeschlagen?

Für diese Logik lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

  1. Leistung des Teams: Beratungen, Hilfen, Kurse, Treffen, Lieferungen und Schulungen.
  2. Veränderung für die teilnehmende Person: ein klarer Plan, eine erworbene Fähigkeit, stabilere soziale Kontakte oder Teilnahme an einer selbst gewählten Aktivität.
  3. Langfristige Wirkung: erhaltene soziale Beziehungen, mehr Einfluss auf alltägliche Entscheidungen und dort, wo es zur Person passt, der Übergang zu gegenseitiger Unterstützung.
Den nächsten Schritt und soziale Wirkung messen

Diese Logik entspricht dem Theory-of-Change-Ansatz, der Ressourcen und Aktivitäten eines Programms mit messbaren Ergebnissen verbindet. Malteser kann dafür kurze Befragungen nach einer Teilnahme, einen erneuten Kontakt nach ein bis drei Monaten, Rückmeldungen aus Familien und gemeinsam abgestimmte Fallgeschichten kombinieren. So lassen sich Stärken eines Programms erkennen und Unterstützungswege rechtzeitig anpassen.

Die Rolle von Spendern und Partnern

Spenden finanzieren die Infrastruktur, in der ein nächster Schritt möglich wird: Koordination, Fachkräfte, Materialien, Transport, Vorbereitung von Freiwilligen, zugängliche Räume und weitere Begleitung. Das konkrete Ergebnis hängt vom Programm und von der individuellen Situation ab. Deshalb braucht glaubwürdige Kommunikation transparente Berichte und nachvollziehbare Kennzahlen. Die Berichte von Malteser sind auf der Website veröffentlicht (Berichte).

Unternehmen können sich durch Finanzierung eines Programms, Sach- und Dienstleistungen, Mitarbeitendenengagement, professionelle Expertise oder eine gemeinsame Kampagne beteiligen. Auf der Unternehmensseite beschreibt Malteser einen klaren Prozess: Aufgabe und Rahmenbedingungen definieren, Rollen und Ressourcen abstimmen, Projekt starten und Ergebnisse dokumentieren (Partnerschaft für Unternehmen). So wird gesellschaftliche Verantwortung zu einem konkreten Vorhaben mit nachvollziehbarem Inhalt.

Wenn Unterstützung gebraucht wird

Betroffene oder Angehörige können Malteser ihre Situation schildern. Die Anfrage ist kostenlos; mit dem Absenden beginnt die Prüfung, während eine Aufnahme in ein Programm von den individuellen Umständen und den aktuellen Möglichkeiten der Stiftung abhängt. Die Koordination hilft dabei, einen möglichen nächsten Schritt zu bestimmen (Hilfe erhalten). Bei unmittelbarer Gefahr für Leben oder Gesundheit gilt die Notrufnummer 112.

Den nächsten Schritt unterstützen

Lenas Geschichte zeigt: Ein Mensch hat gleichzeitig eine aktuelle Belastung und eigene Kenntnisse, Interessen und Beziehungen. Soziale Unterstützung verbindet diese Seiten, wenn sie durch eine schwierige Phase hilft, den Zugang zur Gemeinschaft stärkt und eine realistische Rolle ermöglicht.

Von der Hilfe zur Selbsthilfe bei Malteser

Malteser lädt Familien ein, ihre Situation zu schildern, Spenderinnen und Spender, Programme zu unterstützen, Freiwillige, eine konkrete Aufgabe zu wählen, und Unternehmen sowie Fachgemeinschaften, gemeinsame Projekte zu entwickeln. Eine Spende, eine Stunde Mitarbeit, ein Kurs, eine Lieferung oder fachliche Unterstützung werden so Teil derselben Kette: Ein Mensch erhält heute Halt und morgen mehr Möglichkeiten, am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen.